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Prominente Neuerwerbung für die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau

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Dargestellt ist die knapp vierjährige Amalia Augusta (1793-1854), eine Tochter des Erbprinzen Friedrich von Anhalt-Dessau (1769-1814), wie sie voller Freude zu einem Weihnachtsbaum eilt und eine Zuckerfigur ergreift, die daran befestigt ist. Das Gemälde stammt von Johann Friedrich August Tischbein, einem Angehörigen der weitverzweigten Malerfamilie, der uns damit einen wertvollen Einblick in die Weihnachtsbräuche am Dessauer Hof um 1800 gibt. Die Besonderheit des Bildes liegt gerade in diesem demonstrativ privaten Charakter. In keinem Detail wird auf den fürstlichen Rang der Dargestellten hingewiesen. Der Verzicht, den sozialen Stand herauszuarbeiten, wie auch das Interesse an der Schilderung kindlicher Unbefangenheit sind neuartige Züge in der adligen Porträtkultur der Zeit. Vorbilder finden sich in der gleichzeitigen englischen Malerei (Joshua Reynolds, Thomas Gainsborough), die Fürst Leopold III. Friedrich Franz von seinen Reisen in das Vereinigte Königreich gut kannte.

Das Gemälde ist von Tischbein auf der Bildfläche signiert und mit der Jahreszahl 1797 versehen. Der Künstler war vom Dessauer Fürsten im Jahr 1795 als Hofmaler angestellt worden und schuf in der anhaltischen Residenz einige seiner bedeutendsten Werke. Seinen Rang als wichtigster Porträtmaler des späten 18. Jahrhunderts in Deutschland (neben Anton Graff) verdankt er seinen Bildnissen von Familien, von Frauen und Kindern, in denen er einfühlsam und ganz im Sinne der Ideen der Spätaufklärung und der Empfindsamkeit familiäre Zuneigung und Vertrautheit schildert. In den Jahrzehnten nach seiner Entstehung hing das Gemälde im Dessauer Residenzschloss und zeitweise vielleicht auch im Erbprinzlichen Palais an der Kavalierstraße und im Schloss Georgium. Am Ende des Zweiten Weltkriegs befand es sich im Schloss Ballenstedt, das inzwischen der bevorzugte Aufenthalt der Familie Anhalt geworden war. Als in der sowjetischen Besatzungszone durch die sogenannte Bodenreform viele Liegenschaften enteignet wurden, gelangte das Gemälde im Rahmen der sogenannten Schlossbergung in die Moritzburg nach Halle. 2003 wurde es den rechtmäßigen Eigentümern restituiert.

In der Anhaltischen Gemäldegalerie erweitert es nun einen Bestand an Gemälden von Johann Friedrich August Tischbein, die alle aus derselben Quelle stammen: aus dem ehemaligen Kunstbesitz des anhaltischen Herzogshauses. Die Tischbein-Bilder der Anhaltischen Gemäldegalerie sind so das wichtigste Zeugnis der Dessauer Schaffenszeit des Malers. Neben den Sammlungen der Museumslandschaft Hessen Kassel und des Museums der bildenden Künste Leipzig ist es der größte und wichtigste Bestand an Werken dieses Sprosses einer hessischen Malerfamilie, der der Einfachheit halber und zur Unterscheidung gegenüber seinen Namensvettern als „Leipziger Tischbein“ bekannt ist. In Sachsen-Anhalt finden sich weitere Gemälde des Künstlers in den Sammlungen der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz und im Gleimhaus Halberstadt.

Oberbürgermeister Dr. Robert Reck: „Ich danke den Dessau-Roßlauer Stadträtinnen und Stadträten für ihr deutliches, einstimmiges Votum in der Stadtratssitzung am 16.12.2020 zum Erwerb des Bildes für die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau und somit für die ganze Stadt, und besonders danke ich den großzügigen Förderern für die enorme Unterstützung beim Ankauf dieses Hauptwerks für die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau. Hiermit zeigt sich wieder die nationale Bedeutung der Anhaltischen Gemäldegalerie als Kunstmuseum innerhalb des UNESCOWelterbes Gartenreich Dessau-Wörlitz. Auch stellt die Gemäldegalerie so unter Beweis, dass ihre Sammlung inhaltlich weiter entwickelt wird und auch in Zukunft ihren Besucherinnen und Besuchern stets Neues zu bieten haben wird.“

Ruben Rebmann, Direktor der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau: „Mit dem Erwerb dieses Hauptwerks wird nicht nur die Dessauer Gruppe von Gemälden des Porträtisten Johann Friedrich August Tischbein erweitert, zu dem die Galerie eine besondere Beziehung besitzt. Gleichzeitig wird unser Bestand an Kunst aus der Zeit von Klassik und Romantik, der Zeit Goethes und des Fürsten Franz gestärkt. Neben der Malerei der Reformationszeit und der des niederländischen Barock bildet er einen Hauptschwerpunkt der Gemäldesammlung der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau.“