A+ A-

Detailseite

Startseite / Stadt & Bürger

Dank aus Australien für Stolpersteinaktion in Dessau-Roßlau

In der Helene-Meier-Straße 9-11 erinnern STOLPERSTEINE an drei ehemalige jüdische Einwohner dieser Stadt: den Zigarettenfabrikanten Noah Kapeluschnik (1873-1943), seine Ehefrau Hedwig Kapeluschnik, geb. Wolffram (1872-1944) und ihre älteste Tochter Hildegard Lange, geb. Kapeluschnik (1905-?). Mehrere Jahrzehnte lang lebten und arbeiteten die Kapeluschniks in Dessau.

1942 wurde das Ehepaar in das Ghetto Theresienstadt und ihre Tochter Hildegard in das Ghetto Warschau deportiert. Alle drei starben im Holocaust. Ein weiteres Familienmitglied, der Sohn James (Samuel), starb als deutscher Soldat im Weltkriegsjahr 1917. Die jüngere Tochter Margarete, verehelichte Berndt, überlebte die NS-Zeit. Erinnerungen von Karl-Heinz Berndt an seine Großeltern Noah und Hedwig Kapeluschnik sind veröffentlicht im Dessauer Kalender, Jahrgang 2014.

Der Brief von Pierre Kapel, einem Nachkommen der Kapeluschniks, erreichte kürzlich die Werkstatt Gedenkkultur im Kiez e. V., dem Träger der Aktion STOLPERSTEINE in Dessau-Roßlau. Er zeigt einmal mehr, wie wichtig diese Form der Aufarbeitung der NS-Geschichte ist. Alle in Dessau-Roßlau verlegten STOLPERSTEINE wurden durch Spenden von Bürgerinnen und Bürgern finanziert – Pierre Kapel dankt allen Unterstützern. Die Biografien der Dessauer Opfer des Nationalsozialismus, den Stadtplan mit allen STOLPERSTEINEN und weiteres Material zur Stadtgeschichte finden Sie auf der Website www.gedenkkultur-dessau-rosslau.de. Die Pestalozzischule hat eine Patenschaft über die Pflege der STOLPERSTEINE der Familie Kapeluschnik übernommen.

Der Brief an uns:

Hallo, mein Name ist Pierre Kapeluschnik. Vor kurzem entdeckte ich die Website gedenkkultur-dessau-rosslau.de und die Geschichte meines Vorfahren Noah Kapeluschnik, den Bruder meines Urgroßvaters. Ich stieß auch auf die Bilder des Messing-Stolpersteins für meinen Vorfahren mit den Lebensdaten 1873-1943 und der Stolpersteine für seine Frau und seine Tochter. Ich möchte Ihrer Gruppe für die Bereitstellung dieser Informationen im World Wide Web aufrichtig danken. Meine Familie hier in Australien und in Frankreich kannte die Geschichte des Zigarettenfabrikanten Noah Kapeluschnik aus Berlin und wusste vom Tod seines Sohns Samuel im Ersten Weltkrieg, der mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Meine Großeltern lebten anfangs mit Noahs Familie zusammen, in den 1900er Jahren, nachdem sie Wilna (Vilnius) verlassen hatten. Sie übersiedelten dann nach Paris/Frankreich, wo sich Meir Kapeluschnik, der jüngere Bruder meines Urgroßvater Wulf Kapeluschnik, niedergelassen hatte. Beide Zweige der Familie überlebten den Zweiten Weltkrieg. Meine Großeltern Oscar und Doba Kapeluschnik, mein Onkel Bernard Kapeluschnik und seine Familie und mein Vater Jean Kapeluschnik lebten während des Krieges in einem abgelegenen Ort in den Französischen Alpen.

Mein damals dreizehnjähriger Cousin Maurice, der mit in den Alpen lebte, ist jetzt 84 Jahre alt und lebt in Melbourne. Er ist der einzige noch lebende Familienangehörige aus dieser Zeit. Er war so froh und traurig zugleich, als er hörte, was mit Noah geschehen war. Die Angehörigen beider Zweige meiner Familie – die immer noch in Frankreich lebenden und wir hier in Australien – wussten von Noahs Geschichte Folgendes: dass er zunächst von der Deportation verschont geblieben war, weil er einen Sohn hatte, der im Ersten Weltkrieg, in dem er für Deutschland gekämpft hatte, sein Leben verlor - aber sein ganzes Vermögen war eingezogen worden. Uns war nicht bekannt, was danach geschah. Im Namen der Familie Kapeluschnik (wir verwenden nun den verkürzten Namen Kapel) möchte ich ihrer Gruppe unseren aufrichtigen Dank aussprechen für die Nachforschungen, durch die wir jetzt – mehr als 70 Jahre nach dem Tod von Noah und seiner Familie – wissen, was geschah.

Ich wünschte nur, mein Vater wäre noch am Leben und könnte diese Geschichte hören.
Ich möchte auch Ihrem Verein und der lokalen Regierung für das Projekt danken, durch das diese Stolpersteine auf dem Bürgersteig verlegt wurden. Es war sehr bewegend für uns alle, sie zu sehen. Bitte übermitteln Sie unseren Dank an die Menschen in Dessau, die dieses Projekt unterstützt haben.
Hochachtungsvoll

Pierre Kapel (Kapeluschnik)
Brisbane, Queensland, Australien, 4. Juni 2018

Zur Seite www.gedenkkultur-dessau-rosslau.de

Hinweis

Stadt Dessau-Roßlau
Referat des Oberbürgermeisters / Pressestelle
Zerbster Straße 4
06844 Dessau-Roßlau

0340 204-2213
0340 204-2913
pressestelle@dessau-rosslau.de  
www.dessau-rosslau.de